Leseliebe „The Paris Wife“

„Was stimmt mit uns allen nicht, Bill? Kannst du mir das sagen?‘ – ‚Zur Hölle, wenn ich es wüsste‘, sagte er. ‚Erst einmal trinken wir zu viel. Und wir wollen zu viel, oder nicht?“

Es gibt diese Bücher, die liest man nicht. Sie sind nichts Passives, über das wir entscheiden, sondern entwickeln vor unseren Augen ein Eigenleben. Sie saugen uns ein, ziehen uns in ihren Bann, nehmen uns mit in ihre Welt. So ein Buch war für mich „The Paris Wife“ von Paula McLain. Ein Buch, das mich anfangs so glücklich gemacht hat, in dessen 20er Jahre Eleganz und Charme ich eingesogen werden wollte. „Es war alles gut und schön, bis es das nicht mehr war.“ Wie perfekt das meine Stimmung beim Lesen dieser Geschichte beschreibt. Aber von Anfang an.

„The Paris Wife“ ist zunächst eine große Liebesgeschichte. Eine allumfassende Liebe, eine gegenseitige Rettung, der alles auffressende Wunsch, eins zu werden. Das Bedürfnis, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und eine gemeinsame Zukunft zu schaffen, gemeinsam glücklich werden zu können. Die Menschen, die sich verlieben heißen Hadley und Ernest. Jahre später wird er ein weltberühmter Autor sein und sie in Vergessenheit geraten. Doch in diesem Moment, sind sie nur zwei Verzweifelte, aufgefressen von dem Wunsch, frei zu sein und sich selbst zu finden.

Dieser Weg führt sie nach Paris, Liebende in der Blase einer verrückten, immer schneller werdenden Stadt. Sie beobachten, leben ihr Leben, haben sich. Aber natürlich hält dieser Zustand absoluter Isolation nicht lang, die Blase platzt, erste Kontakte werden geknüpft und ziehen die zwei Liebenden (und den Leser) in den Sog des Paris der 1920er Jahre.

Wir finden uns wieder in einer Zeit, in der ein vergangener Krieg allgegenwärtig ist, in der jeder Einzelne, Tod und Zerstörung nur knapp entronnen ist. Zurück bleiben eine zerbrochene Welt und  Menschen, an denen die Angst noch klebt. Nur überlagert vom Wunsch diese loszuwerden, frei zu sein.

„Es gab nur das Heute, in das du dich hineinwerfen konntest, ohne an morgen denken zu müssen, oder gar an für immer. Um dich vom Denken abzuhalten gab es Alkohol, mindestens einen Ozean voll, all die üblichen Laster und viel Strick um dich daran aufzuhängen.“

Die „Lösung“ kommt in Form von zu viel Alkohol, von endlosen Feiern und besinnungslosem Vergessen. Die Lösung ist, sich für einige Momente lebendig zu fühlen, die Angst zu ertränken und so die Illusion von Glück zu erzeugen. Um die Liebenden sind plötzlich so viele Menschen, so viele Möglichkeiten. Alle wollen alles auf einmal, gleichzeitig, unbeschränkt.

Je weiter die Geschichte mich zog, desto weniger war es ein historischer Roman, eine vergangene Epoche. Das Paris der 20er wurde zu einem Spiegel des Berlins, der Welt, der 2000er. All die Menschen, die den Abgrund, die Gefahr, den Tod fest im Blick haben, die die Augen schließen, weiter feiern, weiter tanzen. Alles wollen, aber nichts tun. Sich treiben lassen, aber aus Angst vor dem Untergehen wild um sich schlagen.

In dieser Zeit, die weit entfernt und doch so nah ist, werden Hadley und ihre Ehe zu einem Anachronismus. Die Frau, die sich wie alle die Haare abschneidet und daran nur unglücklich wird. Die Frau, die keine Künstlerin, sondern Ehefrau und Mutter sein will. Die Frau, deren Glück und deren Leben ein einzelner Mensch ist, an den sie sich so gerne klammern möchte, der sich aber nicht halten lässt. Die Frau, die so gerne stark und unabhängig wäre, dann aber doch wieder einsam und verzweifelt zurück bleibt.

Überall um die Liebenden sind Bewegung, Fortschritt, alles ist höher, schneller, weiter. Kann man in so einer Welt überhaupt stehen bleiben, zufrieden sein, zur Ruhe kommen? Und ist der Stillstand besser als der Rausch? Macht er glücklicher?

Alles Fragen, die Hadley beschäftigen, die Ernest beschäftigen, die ihr Umfeld beschäftigen. Fragen, die nicht gestellt werden, aber immer im Raum stehen. Und je schwieriger es wird an ihrer Ehe, an ihrer Liebe festzuhalten, desto mehr Fragen kommen hinzu. Gibt es so etwas wie die eine, große Liebe? Wie lange lohnt es sich, an ihr festzuhalten? Wie wächst man gemeinsam, ohne sich gegenseitig einzuschränken? Was muss man für die Liebe aufgeben und welche Opfer lohnt es sich zu bringen? Ist es das wert? Wollen wir gemeinsam stark sein oder unser eigenes Glück finden? Gibt es überhaupt noch eigenes Glück, wenn man sich selbst nicht mehr ohne den anderen sehen kann?

Je tiefer ich in die Geschichte, in diese Welt eintauchte und je klarer ich dadurch meine eigene sah, desto dringender wollte ich eine Antwort auf diese Fragen finden. Und desto schwieriger und wirrer wurde diese Aufgabe. Ob es mir am Ende gelungen ist? Dazu müsst ihr „The Paris Wife“ natürlich selbst lesen.

Bis bald, Franzi

Filmeinung – Raum. Von der kleinen und der großen Welt…

„This life is so complicated until we see it through the eyes of a child“

Jacks Leben ist simpel: Es besteht aus einem Waschbecken, einem Bett, einem Schrank (der manchmal auch zum Bett wird), einer Lampe, einem Stuhl, einem Tisch, einer Toilette, einem Fernseher,… alle Teil von Raum. Dem einzigen Ort, den Jack kennt.

Zwei Menschen kennt Jack – außer denen im Fernsehen. Old Nick, allerdings nur durch einen Spalt in der Schranktür. Und seine Mutter. Joy, die ihn bedingungslos liebt, ihm aus dem Nichts, das sie hat, alles macht und gibt und ihm die Welt erklärt. Die echte Welt, Raum. Und die andere Welt, die sich hinter dem Dachfenster und auf dem flackernden Bildschirm des Fernsehers befindet.

So simpel ist Jacks Leben. Und doch so viel komplizierter als wir es uns vorstellen oder wünschen könnten. Da ist das Kind Jack, der kleine Junge, der in Tränen ausbricht, weil er auf seinem Geburtstagskuchen keine Kerzen hat. Der von einem eigenen Hund träumt. Der stundenlang mit seinem einzigen Spielzeug, einem Auto, spielt und Haushaltsgeräte zu Drachen macht.

Da ist aber auch der Jack, der jeden Abend die Angst in den Augen der Mutter sieht, wenn Old Nick den Raum betritt. Der mit ansieht, wie sie ihn um Lebensmittel anbetteln muss, sie ins Bett gehen. All das, um ihn von Jack fernzuhalten. Und als ob das nicht schon schwierig genug wäre, wird er dann fünf. Und alles ändert sich.

Seine Mutter erzählt ihm die unglaubliche Geschichte, dass die Fantasiewelt im Fernseher, die Realität sei. Dass Raum nicht alles sei, keine glückliche und sichere Welt sondern ein Gefängnis. Eine Falle, in die seine 17-jährige Mutter gelockt wurde und die sie seitdem nicht mehr verlassen konnte. Jacks Reaktion: „I want to be 4 again.“ Und „I want a different story.“ Man kann es ihm nicht übel nehmen.

Jacks Leben, Gedanken und Ansichten wirken abstrakt, schwer zu begreifen. Durch die ebenso abstrakte Kameraführung und die grandiosen Schauspieler werden allerdings auch Äste, Pancakes und Treppen völlig neu, exotisch, sogar gefährlich. Der Film entfaltet sich durch Jacks Augen, wie er die Welt sieht. Aber auch wie er seine Mutter sieht.

Ihre Geschichte und Charakter offenbaren sich erst nach und nach. Vieles wurde mir sogar erst bewusst, als der Bildschirm schon erloschen war. Die 17-Jährige, ein Mädchen, das alles vor sich hat und durch Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft alles verliert. Die ganz am Boden ist, keine Hoffnung mehr hat und sich dann doch wieder hochkämpft. Die für ihr Kind nicht aufgibt, einen höflichen, kreativen, gesunden und klugen Jungen aufzieht. Die nichts für sich selbst behält, um alles für ihn sein zu können. Die jede Demütigung erträgt, immer weiter kämpft, nur noch aus Mutterliebe zu bestehen scheint. Das einzige, was im Raum von ihr übrig bleibt. Aber was passiert draußen mit ihr? Wie soll diese Frau, die Mutter, die Kämpferin, jemals wieder in die Welt des 17-jährigen Mädchens passen? Wie soll irgendjemand verstehen, wer die neue Joy ist, was mit ihr passiert ist? Und wie wird sie selbst das verstehen?

Neben dem Portrait dieser unfassbar starken Frau ist der Film auch die Entdeckung, dass die Welt so viel größer und weiter ist, als man es sich in eigenen vertrauten Blase vorstellen könnte. Dass es egal wie groß das Leben, der Raum ist, den wir kennen, immer Neues, Beunruhigendes geben wird. Die Welt wird immer noch größer werden, wir werden sie nie ganz verstehen können und uns doch immer wieder neu und oft auch allein mit ihr auseinander setzen müssen. Sie fürchten und sie lieben lernen.

Vor allem zeigt Raum, dass das Alleinsein – egal ob zum sich selbst wieder kennen lernen oder zum Welt entdecken – nicht reicht. Wir brauchen andere Menschen. Menschen, die wir lieben. Menschen, die uns erden und die uns helfen zu verstehen, wer wir sind. Und Menschen, die uns Flügel verleihen, mit uns rausgehen und dieser Welt etwas von ihrem Schrecken nehmen. Egal ob diese einen Raum oder sieben Kontinente umfasst.

Bis bald, Franzi

Leseliebe – John Green und die wundersamen Mädchen

Sie sind wunderschön, heiß, tiefgründig, freigeistig. Sie sind stimmungsschwankend, geheimnisvoll, unergründlich und ungreifbar. Sie sind mal freudesprudelnd, mal depressiv, mal wütend, immer unberechenbar. Sie heißen Alaska Young und Margo Roth Spiegelmann und nehmen einen großen Teil der Fantasien Miles und Quentins ein. Und sie entstammen der Fantasie John Greens.

Schon mit „The Fault in Our Stars“ hat dieser Mann mich mitten ins Herz getroffen, seine Worte immer unterlegt von meinen Gedanken: „Das ist SO wahr! Woher weiß er das? Genau so ist es, warum habe ich das noch nie erkannt?“ Genau das hat er auch wieder mit „Looking for Alaska“ und „Papertowns“ geschafft, die ich beide vor kurzem als Hörbücher gehört habe. Sie sogen mich ein, ließen mich den Atem anhalten, mein Leben vergessen und es gleichzeitig ein bisschen besser verstehen.  Und wieder waren sie SO wahr.

Full World
Quelle: Mella Drama

Diesmal hatte ich dieses Gefühl allerdings nicht von Anfang an. Denn Alaska und Margo waren doch ein bisschen zu wundersam, ein bisschen zu verehrungswürdig. Sie waren zu anders, zu unangepasst und mysteriös, um wahr zu sein.  Bis sie von Scheinbildern zu Menschen wurden… Bis sie nicht mehr nur noch wundersam, sondern normal wurden. Denn unperfekt, komplex und voller Fehler zu sein – das ist doch normal. Das sind wir doch alle, vom unscheinbaren Nerd bis  zur märchenhaftesten scheinbar Fee. Das sind sogar Alaska Young und Margo Roth Spiegelmann.

Deeply Unhappy Person
Quelle: Pinterest

Ihre Geschichten sind verschieden, sowohl ihre Vergangenheit als auch Zukunft, ihr Charakter als auch Umfeld. „Looking for Alaska“ und „Papertowns“ sind ganz verschiedene Bücher und doch haben sie vieles gemeinsam. Ein einsamer, außenseitlicher Junge erzählt die Geschichte, fasziniert bis besessen von erwähntem Wundermädchen. Er verliebt sich jedoch nicht nur Hals über Kopf in ein Mädchen, sondern durch sie auch in das Leben. Er verlässt den sicheren Panzer, geht Risiken ein, lässt sich auf Menschen ein. Schließt Freundschaften oder lernt seine Freunde zu schätzen.

Something Remarkable
Quelle: flickr

Die Freunde, die die Schwärmereien über das Wundermädchen endlos lange ertragen. Die Freunde, die auch dann noch da sind, wenn das Wundermädchen es nicht mehr ist. Die Freunde, die immer wieder Fehler machen, versagen, Idioten sind. Genauso wie der Junge selbst. Genauso wie jeder. Denn das ist es wohl, was man erkennen muss, wenn man sich auf Menschen einlässt: sie sind nicht perfekt. Wir sind alle nur wir, nicht mehr und nicht weniger. Und wenn man etwas anderes erwartet, wird man früher oder später enttäuscht.

Gilt das auch für Wundermädchen? Sind sie am Ende viel mehr Mädchen als Wunder? Und wie fühlt es sich an, ein Mädchen zu sein, von dem alle ein Wunder erwarten, das dieses sogar von sich selbst erwartet?

Great Perhaps
Quelle: Pinterest

Die Bücher stellen viele Fragen, beantworten einige, lassen mindestens genauso viele jedoch auch offen. Sind wir Fenster oder Spiegel? Können wir je um unserer selbst Willen geliebt werden oder lieben wir immer nur die Idee eines Menschen? Sind wir dazu bestimmt zu versagen? Wie kommen wir aus dem Leiden heraus? Können wir eine andere Person jemals völlig verstehen, jemals diese andere Person werden? Und wenn nicht, wie können wir trotzdem zusammen leben, lieben, glücklich werden?

Auch nachdem die letzte Seite umgeblättert wurde, das letzte Wort gesprochen wurde, hallen diese Fragen nach. Sie steigen aus den Geschichten heraus, lösen sich von ihren Charakteren und legen sich um uns. Begleiten uns, bis wir für uns eine Antwort auf sie gefunden haben. Vielleicht sogar für immer. Danke John Green, dass du Wundermädchen schaffst genauso wie Normalojungen. Dass du uns zeigst, dass der Unterschied zwischen den einen und den anderen gar nicht so groß ist. Dass du verstehst, dass man ohne Freunde nicht leben kann, auch wenn sie Idioten sind. Dass du richtige Antworten findest und die richtigen Fragen unbeantwortet lässt. Danke, dass du echt bist und deine Geschichten dadurch nicht auf den Seiten bleiben sondern genauso echt werden.

Bis bald, Franzi

Leseliebe – „Selection“

Ich mag Dystopien. Ich habe die Hunger Games verschlungen, Divergent meist genossen. Ich habe bucherprobte Überlebensstrategien für Mondkatastrophen, Alieninvasionen und Epidemien bereit. Für die fünfte Welle sowieso. Aber gegen eine Reihe dieses Kosmos aus Schwarzmalerei sträubte ich mich hartnäckig. Selection. „Wie der Bachelor und die Hunger Games nur ohne Blut“, hörte ich als Zusammenfassung immer wieder und ging automatisch in Abwehrhaltung. Nein, danke. So ein Quatsch! Wiederkehrende Instagramposts der traumschönen Cover und die anhaltende Begeisterung einer Youtuberin (Laura Laqu) waren dann aber letztlich doch die Tropfen, die den Stein höhlten. Zum Glück!

 

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Quelle: Andi’s  ABCS

Ich erwartete entspannte Unterhaltung, nichts zu Dramatisches, etwas Spannung, für ein paar Stunden in eine andere Welt eintauchen und dann zum nächsten Buch weitergehen. So einfach ging es dann aber doch nicht. Denn die Selection Welt packte mich völlig unvermittelt, hielt mich fest und hat bis heute noch nicht losgelassen. Stattdessen warte ich voller Vorfreude auf den letzten, fünften Band der Reihe und versuche so schnell wie möglich an die dazugehörige Kurzgeschichtensammlung zu kommen. Ich liebe es, wenn Geschichten mich vollkommen einnehmen, wenn ich mich in sie fallen lassen kann, die Charaktere meine Freunde und die Orte mein Zuhause werden. Ich gebe mein eigenes Leben gerne für ein paar Stunden, Tage oder Wochen auf und werde eine andere. In diesem Fall lebe ich gerade zeitweise immer noch im Palast Illeas , trage wunderschöne, extra für mich angefertigte Kleider und hoffe, dass der Prinz sich in mich verliebt.

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Quelle: Tumblr

Woran liegt es jetzt also, dass sich meine Meinung so geändert hat? Zum einen sind es wohl die vielen Facetten des Buches. Die Geschichte Illeas, die einzelnen Staaten und ihre Bewohner, die Welt des Palastes, die Kasten, die Rebellen. Politik, Geschichte, Geheimnisse und natürlich Liebe und Romantik. Die Bücher haben einfach alles, ich kann mir richtig vorstellen, wie viel Spaß die Autorin beim Entwerfen dieser USA – viele Jahre nach denen wir hier leben – hatte.

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Quelle: Like Success

Viel wichtiger sind aber noch die Charaktere, denn sie machen das Buch so spannend und ungewöhnlich. Nicht weil sie unheimlich sympathisch sind – ganz im Gegenteil! Gerade Protagonistin America hätte ich mindestens so oft gerne gegen die Wand geklatscht, wie ich sie bewunderte und mit ihr mitfieberte. Denn gerade ihre Macken, ihre Sturköpfigkeit, extremer Selbstbezug und oft anstrengenden Gedanken machen sie zu einer runden Person, zu einem Menschen, der nicht irgendeiner Märchenwelt entsprungen zu sein scheint, sondern uns jeden Tag begegnen können.

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Quelle: Pinterest

Und so verhält es sich auch mit den anderen Personen – die Mädchen der Selektion, allen voran Marlee und mein Liebling, Celeste -, Americas Dienerinnen, Prinz Maxon, seine Eltern, die Rebellen. Sie alle sind voll kleiner Details, unerwarteter Motive und immer wieder durchscheinender Tiefe. Und genau das ist es, was mich an den „Selection“ Büchern fesselt und auch nach dem Lesen nicht loslässt. So viele Fragen abseits des Haupthandlungsstranges. So viele Ideen, so viele Möglichkeiten, so viele „Was-wäre-wenns“. Und natürlich auch die wunderschönen Liebesgeschichten. Und die Beschreibungen der Kleider!

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Quelle: Kiera Cass

 

 

Filmeinung – Das Mädchen mit dem Perlenohrring

“You looked into me.” Ein Film über den Blick eines Malers, mit dem Blick eines Malers. Ein Film, der nicht von großen Worten lebt, sondern von den klaren Farben Vermeers, von Licht und Schatten, Gesten und Details, Ausdrücken und Blicken. Man traut sich kaum zu blinzeln, um ja keinen Moment zu verpassen. Jede Szene wirkt im positivsten Sinne komponiert, kein Detail fällt aus der Komposition heraus. Jeder Moment ein Gemälde und das gebettet in eine perfekte Umgebung.

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Mary Cassatt – was sieht sie, woran denkt sie?

Die Obstschale steht in der richtigen Ecke, der Vorhang fällt makellos drapiert. Die Kleider verraten sofort, was für eine Art Mensch da in ihnen steckt – ist es die reiche Herrin des Hauses oder die schäbige Dienerin? Üppige Seide oder abgenutzte Wolle verraten sie… Dann ist da natürlich noch das Licht – klar und erhellend, oder mystisch im Schatten, es ist das i-Tüpfelchen des filmischen Gemäldes.

Edith Wharton
Edith Wharton – ein Kind und schon voller Schönheit und Weisheit.

Die Handlung des Films ist ruhig, die Geschichte wirkt auf den ersten Blick sogar etwas langweilig. Der Film startet langsam und distanziert, doch nach und nach verschmilzt der Zuschauer immer mehr mit der stillen und doch stolzen Griet. Mit ihr geraten wir in den Bann der Malerei und des Malers. Wir spüren die Faszination, wie aus dem Nichts Schönheit wird, wie ein Moment für die Ewigkeit gebannt wird, wie er sieht, was anderen nicht ins Auge fällt und dies sichtbar macht.

Lillian Wald
Lillian Wald – nicht klassisch schön, aber dadurch nicht weniger interessant und faszinierend.

Der Maler ist hier ein Künstler auf allen Ebenen, von der Herstellung der Farbe zur richtigen Szenerie und dem Modell bis zum Prozess des endgültigen Malens muss alles stimmen. Er sieht die Dinge nicht unbedingt, wie sie sind, sondern wie sie sich anfühlen. Für ihn und seine Modelle. Dadurch wird aus Alltag Magie. Aus Unscheinbarkeit Schönheit. Aus Realität Kunst.

Consuelo Vanderbilt
Consuelo Vanderbilt – königlich und stolz, aber wie sieht ihr Sohn sie?

So unscheinbar wie die Handlung ist auch Griet selber: äußerlich die demütige Dienerin. Ein machtloses, junges Mädchen. Stets unterlegen, von Angst und Unsicherheit erfüllt. Sie scheint ein Spielball ihres Schicksals zu sein, ihrer Eltern und Herrschaften. Als arme in der Hand der Reichen, als junge in der Hand der Alten. Doch das ist nur ein Teil, nur eine Facette dieses Mädchens. Denn so demütig wie sie ist, ist sie auch klug und stark. Sie ist so mutig, wie sie es sein kann, ohne rebellisch zu werden. Bleibt immer würdevoll und elegant, auch ohne Schmuck oder Prunk. Ihre Schönheit kommt von innen heraus, von den Werten, für die sie steht und die sie lebt.

Elegant Woman
An Elegant Woman – aber was ist ihre Geschichte?

Diese Werte und Grundsätze gibt sie nicht auf, verändert dadurch in kleinem Rahmen ihre Welt. Sie lässt nicht alles mit sich machen, weiß, wer sie ist und hält daran fest. Ihr Wille hebt sie ab in einer Welt, in der Frauen nur schön und stumm sein sollen. Er bringt ihr den tieferen Blick des Malers ein, macht sie für ihn interessant, gibt ihr Macht. Sie ist nicht nur Muse oder Modell, wird auch Schülerin, Assistentin, Kritikerin. Sie fühlt sich ebenbürtig und wird auch so behandelt. Doch mit ihrer Stärke kommt auch die Versuchung. Ihre Unabhängigkeit bringt den Wunsch, sie einzunehmen, vielleicht sogar zu brechen.

Jeanne Cartier
Jeanne Cartier – tatsächlich so bunt und schillernd oder „nur“ in den Augen Moras?

Wie lange wird sie an ihrer Moral, an ihren Werten festhalten können? Will sie das überhaupt noch? Versuchung, Anziehung und Spiel laufen auf eines hinaus, spitzen sich zu einem Moment, einer Entscheidung zu. Dieser Moment, in dem sie für ihre Werte ihre Gefühle aufgibt oder andersherum, wird alles bedeuten. Er wird ihr Leben verändern, ihr Schicksal beeinflussen. Wird er sie retten? Oder ins Verderben stürzen? Und wird es letzteres wert sein?

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Aus Griet wird in den Augen Vermeers das Mädchen mit dem Perlenohrring – Quelle: schoebel-net.de

Filmeinung „Brooklyn“

Home is where … is. Es gibt unendlich viele Abwandlungen dieses Spruchs, unendlich viele Definitionen dieses kleinen Wortes, das uns doch oft ausmacht. Home. Zuhause. Das ist es, wo wir leben, glücklich sind, uns geliebt fühlen. Zuhause ist mal ein Ort, mal eine Person, mal nur ein Gefühl. Manchmal haben wir ein Zuhause, manchmal mehrere und dann fühlt es sich auch mal an als hätten wir gar keins. Eilis Lacey, die Protagonistin in Brooklyn, durchwandert all diese Stufen und ich habe das mit ihr getan. Nicht nur im Film, sondern tatsächlich auch in den letzten Jahren. Das ist wohl ein Grund, warum mir der Film so unendlich gut gefallen hat, warum er mich so mitgenommen hat, auf Wolke sieben katapultiert und mir das Herz gebrochen hat. Ich habe nicht nur die Geschichte einer jungen Frau gesehen, die wunderbar gespielt und inszeniert war und mit der ich mich deshalb identifizieren konnte. Ich erlebte meine eigenen Gefühle, Gedanken und Erfahrungen in der Reise einer anderen.

Brooklyn Bridge und River

Eilis Geschichte beginnt mit einem Traum: Dem Traum rauszukommen, ihr beschränktes irisches Dorf zu verlassen, in die Welt zu ziehen und erfolgreich als Buchhalterin zu sein. Schon als aus diesem Traum langsam ein Ziel wird, spätestens als das Schiff den irischen Hafen auf dem Weg nach New York verlässt, ist dieser Wunsch aber nicht mehr nur traumhaft sondern vor allem auch beängstigend. Ungekannte Herausforderungen lauern auf dem Schiff, bei der Einreise und schließlich in Eilis neuer „Heimat“, Brooklyn. Das Mädchen, das die Welt erobern wollte, wünscht sich plötzlich nur noch „an irish girl in Ireland“ zu sein. Das Heimweh, die Einsamkeit und Unsicherheit überschatten die Tatsache, dass gerade ein Traum Wirklichkeit wird. Eilis vermisst ihr Zuhause – das zu diesem Zeitpunkt noch ihre Mutter, ihre Schwester und Irland sind – aus vollem Herzen. Schluchzt über Briefen aus der Heimat und geht mit Tränen in den Augen durch den Alltag.

Brooklyn Hights.

 

 

Nichts scheint Sinn zu machen, der Traum gescheitert. Aber Eilis macht weiter und trotz Heimweh beginnt sie auch in Brooklyn zu leben. Sie besucht Buchhaltungskurse, unterstützt die Kirche, lernt Leute kennen und geht aus. Die Tränen sind inzwischen aus ihren Augen verschwunden, aber zu lächeln beginnt sie erst, als sie sich verliebt. In einen italienisch-amerikanischen Jungen, der irische Mädchen sehr mag, der ihr das Gefühl gibt, geliebt zu werden und damit auch ein kleines Zuhause, ein Band, das sie an dieses Neue leben bindet. In einem ihrer Briefe gesteht sie, dass sich nun die Hälfte ihres Lebens in Brooklyn befindet und immer mehr kommt dazu. Sonnenbrille und Badeanzug für den Ausflug nach Coney Island, das bestandene erste Semester, berufliche Erfolge, das schönere Zimmer. Und natürlich die wachsende Zuneigung zu Tony, dem italienischen Boyfriend.

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Aber man kann nicht alles haben. Die Zeit bleibt auch in Irland nicht stehen, Eilis Liebste dort leben weiter, verloben sich, arbeiten, schreiben Briefe. Sterben. Die alte Heimat ruft sie zurück, wieder aufs Schiff, wieder diese Mischung aus Vorfreude, Angst und Unsicherheit. Zurück in Irland ist wenig verändert, außer Eilis selbst. Neue Erfahrungen geben ihr einen anderen Blick auf das Land, die Menschen, ihre Zukunft. Sie hat Freunde in Irland, ihre Familie, einen Job und vielleicht sogar eine neue Liebe. Die Erinnerungen an das neue Leben, die zweite Heimat werden unwirklich, sind so weit entfernt. Überlagert von Vertrautem, Ruhe und wohl auch etwas Bequemlichkeit. Es ist so viel einfacher zu bleiben. Zwar ein anderes Leben, als sie es sich für sich selbst vorgestellt hat, aber vielleicht ja sogar ein besseres?

Briefe aus Brooklyn bleiben zunächst ungeöffnet, doch die Erfahrung, die Erinnerung, die Bande, die sie an ihre neue Heimat binden, können nicht ignoriert werden. Was soll es sein? Der Traum vom doch nicht so glamourösen New York? Die Beschränktheit des irischen Dorfes? Der baseballliebende Italiener? Oder der bei den Eltern lebende Ire? Für den Lebenstraum kämpfen oder ihn loslassen? Wer will sie sein, wo leben? Die Möglichkeiten sind da, zwei Zuhause, die nebeneinander existieren, aber nur eines kann letztendlich bestehen.

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Eilis entscheidet sich, trifft meiner Meinung nach die perfekte Entscheidung, was den Film zu einem wunderschönen, aber auch herzzerreißendem Ende bringt. Der Kreis schließt sich, Eilis wird nicht die erste sein, die von der Zukunft in New York träumt und auch sicher nicht die letzte. Auch wenn ich nicht seekrank in den USA ankommen musste, auch wenn ich durch WhatsApp und Skype nicht auf verspätete Briefe angewiesen bin – die Gedanken dieses irischen Mädchens in den 50ern waren so oft meine eigenen. „I’d imagined a different life for myself.” „I don’t know if I still have a home.“ “I wish that I could stop feeling that I want to be an Irish girl in Ireland.” “Tony has helped me to feel that I have a life here I didn’t have before I met him.” “One day you’ll catch yourself thinking about something or someone who has no connection with the past, and you’ll realize that this is where your life is.”

Es ist nicht einfach zu gehen, ein Zuhause, einen geliebten Ort, geliebte Menschen zurückzulassen. Es ist nicht einfach, fremd zu sein, mit nichts anzufangen, sich ein neues Leben auszubauen. Aber das ist wohl der Preis, den man zahlt, wenn man seine Träume wahr machen will. Und der ist es wert. Mir zumindest.

Bis bald, Franzi

Leseliebe und Filmeinung / Warum ich mich am Ende der Welt erfreue…

Eine Epidemie, die Gefahr des Mondes, die Anderen… Diese drei könnten laut der Autoren von „The Way We Fall“, „Life as we knew it“ und „The Fifth Wave“ für das Ende unseres Lebens verantwortlich sein. Des Lebens, wie wir es kennen, an das wir gewöhnt sind. Oder sogar das Ende der Menschheit, der Welt? Auch wenn die zwei Bücher und der eine Film ihren ganz eigenen Stil, eigene Charaktere, Ideen und Handlungen habe,n verbinden sie durch die Endzeit Thematik auch viele Parallelen und die möchte ich hier beschreiben und versuchen zu erklären, was mich so reizt, am Tod und der Zerstörung am Ende der Welt…

Quelle: barefootmeds

Alle drei Geschichten fangen mit harmlosen Highschool Leben an. Das typische Leben amerikanischer Teenager, wie Hollywood es uns vorgaukelt und es hier vielfach auch passiert. Wer lädt wen zur Prom ein? Welches Hobby ist cool und wird trotzdem von den Eltern genehmigt? Da sind zu viele Hausaufgaben, nervige Geschwister, Streit mit den Eltern. Besonders die Protagonistin in „Life as We Knew it“ fand ich am Anfang unerträglich naiv und oberflächlich (was für den Fortgang der Handlung aber perfekt war). Auch der Verlust einer ihrer besten Freundinnen scheint ihr keine Tiefe gegeben zu haben. Sie kreist ausschließlich um sich selbst, versucht die Menschen in ihrem Umfeld nicht zu verstehen. „When you are in Highschool everything feels like the end of the World“, denkt Kassi in „The Fifth Wave“. Alle drei Geschichten haben diese Arten vom Ende der Welt. Der beste Freund, zu dem Funkstille herrscht. Die schwangere Freundin des geschiedenen Vaters. Der geheime Schwarm. Und dann wird dieses Ende der Welt plötzlich zu etwas Wörtlichem, Greifbaren. Der Mond kommt näher und bringt Gezeiten und Alltag aus dem Gleichgewicht, eine unbekannte Krankheit fordert die ersten Todesopfer, die Anderen schicken die erste Welle und rauben die Elektrizität. Es beginnt als Spektakel, als Spannung und Attraktion, wird nur langsam bedrohlich.

Quelle: kirbyhowell

Die Katastrophe kommt nicht unmittelbar, sondern Schritt für Schritt. Und mit jedem Schritt hat sie die Unsicherheit, die Angst und Nervosität auf den Fersen. Das Leben ändert sich, aber die Maßstäbe tun es noch nicht. Das ist nur eine Phase, das wird vorbei gehen. Bald wird wieder alles „back to normal“ sein. Und dann wird die Gefahr unübersehbar, die blanke Angst kommt und mit ihr verrücktes Einkaufen, das aussetzen sozialer Normen. Das Leben, das wir alle kennen und (wenn auch unbewusst) lieben, rückt immer weiter in die Ferne. Maßstäbe und Einstellungen müssen folgen, sich anpassen. Die globalen Auswirkungen der Katastrophen scheinen weit weg. Informationen sickern nicht mehr so leicht durch, da sind Überflutungen, Vulkanausbrüche, Angriffswellen, zahllose Tote.

“We’re here, and then we’re gone, and it’s not about the time we’re here, but what we do with the time.”:
Quelle: Pinterest

Und da sind die unmittelbaren Konsequenzen: keine Elektrizität, kein Benzin, kein frisches Wasser oder Lebensmittel. Winter im Sommer, Naturkatastrophen. Kein gesellschaftlicher Zusammenhalt mehr, eine Gruppe von Einzelkämpfern, die nur das eigene Überleben im Sinn haben. Blut ist dicker als Wasser, nicht viele können gerettet werden oder auch nur Mitleid bekommen, Freunde sterben, Religion wird zu Fundamentalismus, Gewalt zur Normalität. Leben oder Tod ist die einzige Entscheidung, auf die es noch ankommt. Und Liebe?

Quelle: beforeitsnews

Da sind noch andere Fragen: Was für eine Art von Leben ist eigentlich lebenswert? Warum überleben, wenn der Weltuntergang ohnehin bevor steht? Wenn alle, die man liebt, schon gegangen sind? Lohnt sich Liebe im Angesicht des Todes? Brauchen wir sie zum Überleben oder ist sie ein Luxus, den wir mit warmem Wasser und Handys über Bord werfen sollten? Können wir für unser Leben kämpfen und uns trotzdem hinterher noch in die Augen sehen? Menschen bleiben? Gibt es überhaupt ein Hinterher? Und wenn nicht, wofür kämpfen wir dann?

Quelle: Monroevillelibrary

Diese Geschichten klingen oft verrückt, scheinen von Welten zu erzählen, von Realitäten, die meilenweit von unseren entfernt sind. Aber die Entwicklungen und auch ein Blick in die Nachrichten dieser Welt zeigen, dass sie es nicht sind. Es kann so schnell gehen. Ein Leben, das sich um Promkleider und Schwärmereien dreht, kann so schnell nur noch ums Überleben kämpfen. Und dafür alles tun, was nötig ist. Ich glaube nicht, dass uns das Ende der Welt bevorsteht, dass ich mich auf Alienattacken oder Epidemien vorbereiten muss. Aber ich weiß, dass es mir unendlich gut geht, dass ich mir Oberflächlichkeiten und First World Problems leisten kann. Dass es vielen anderen nicht so geht. Und ich es deshalb umso mehr genießen sollte.

Bis bald, Franzi

PS: Ich habe gerade rausgefunden, dass all diese Bücher Serien sind… Also viel neuer Lesestoff!

Filmeinung „He named me Malala“

Eines der Dinge, die ich an einem Langstreckenflug am liebsten mag? Zeit zu haben, für sich zu sein, von einer riesigen Filmauswahl umgeben zu sein. Ist mir nach Weinen oder Lachen, nach Liebe oder Zerstörung? Es ist alles da, man muss nur ein paar Mal mit dem Finger tippen. Auf meinem letzten Flug litt ich mit revolutionären Iren in den Dreißigern und lachte über Reese Witherspoon als verklemmte Polizistin.

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Und dann stach mir ein Film ins Auge. „He named me Malala“. Ein vertrauter Name, ein oft gesehenes Gesicht. „The girl who was shot by the Taliban“. Friedensnobelpreisträgerin. Aber wer dieses Mädchen ist, was ihre Geschichte ist, das wusste ich nicht. Bis eben. Eineinhalb Stunden haben mir einen kleinen Einblick in ihre Welt, ihr Leben und ihre Überzeugungen gegeben. Und mich mit Bewunderung, Faszination und Inspiration gefüllt. Wie sie ihre Stimme nutzt, in einer auswegslosen Situation furchtlos für ihre Überzeugungen eintritt. Wie sie mit so viel Negativität und Schrecken konfrontiert wird, sich damit auseinandersetzt und trotzdem so unheimlich positiv und stark ist. Es ist eine Dokumentation, die viel Grauen birgt und mich doch viel mehr zum Lächeln bringt als jede Komödie. Lächeln darüber, wie gut es mir geht, dass ich Bildung hatte und jeden Tag aufs neue die Chance, meine Träume zu verwirklichen. Lächeln, um vielleicht die Stimmung einer Person ein bisschen zu verbessern, die Welt für einen Moment ein bisschen schöner und glücklicher zu machen. Lächeln für all die, die gerade nicht lächeln können.

Filmeinung „The Intern“ und philosophische Gedanken

Ein Film mit Anne Hathaway, in Heels und mit Sonnenbrille in ein stylisches Büro schreitend. Na, woran müssen wir jetzt alle denken? Natürlich, „Der Teufel trägt Prada“, einer meiner unangefochtenen schon 21049701357 Mal gesehenen, aber immer wieder guten Lieblingsfilme. Und damit war für mich schon nach den ersten Sekunden des Trailers klar, dass ich „The Intern“ würde sehen MÜSSEN. Einfach schon aus Nostalgiegefühl.

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Was neu ist? Diesmal ist Anne Hathaway nicht das eingeschüchterte Assistentenmäuschen sondern Jules, die Chefin und Gründerin eines durch die Decke schießenden Online Shops. Wie Miranda Priestly ist sie schwierig, allerdings auf ihre ganz eigene Art. Ein bisschen chaotisch, überbusy und ständig zu spät, superhip, wie sie auf ihrem Fahrrad durch das offene Loftbüro in Brooklyn cruist. Sie ist stolz auf das, was sie geschaffen hat und will das auch keinem anderen anvertrauen. Sie fährt ins Warenhaus, um zu demonstrieren, wie die Kleider richtig eingewickelt und verpackt werden, nimmt Kundenanrufe entgegen und versucht damit Hochzeiten zu retten. Sie ist ein kleiner Ordnungs- und Hygienefreak, immer am Hände desinfizieren und mit einem nervösen Blick auf den „Schrotttisch“ des Büros. Jules mag Menschen nur, wenn sie schnell reden und regelmäßig blinzeln, sie hat es nicht mit ernsten Gesprächen, neigt zu abrupten Themenwechseln, von tiefgründig zu belanglos, um ihre Gefühle zu verbergen. Nebenbei ist sie auch noch verheiratet und hat eine Tochter.

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Und dann ist da Ben. 70- jähriger, verwitweter Rentner. Mit viel Lebens- sowie Arbeitserfahrung, aber einem leeren Leben zwischen Tai Chi im Park und regelmäßigen Beerdigungen. Er gehört zur alten Schule, ist höflich, pünktlich, stilvoll, top organisiert, warmherzig. Das einzige, was ihm fehlt, ist das, wovon Jules zu viel hat: eine Aufgabe, Herausforderungen, Beschäftigung.

Brooklyn Bridge und River

Und so bricht er als „Seniorenpraktikant“ in die moderne, hippe und technologisierte Bürowelt von „About the Fit“ ein. Der Rentner wird anfangs belächelt, allerdings freundlich aufgenommen und wird mit seinem gut sitzenden Anzug und immer zum Trösten bereiten Taschentuch bald zum unersetzlichen Freund, Berater und Retter. Auch Jules, die doch keinen hinter ihre Fassade lassen will, erliegt nach und nach seinem Charme. Allerdings verändert nicht nur Ben mit Stil, Erfahrung und Wissen seine Kollegen, das Praktikum verändert auch ihn, gibt ihm einen Sinn im Leben sowie einen Facebookaccount.

Mehr Brooklyn

Die aufeinanderprallenden Generationen halten uns mit komischen und absurden Situationen nicht selten den Spiegel vor. Würden wir eher eine ausformulierte E-Mail mit Betreffzeile „I’m sorry“ schreiben oder tatsächlich das offene Gespräch suchen? Und was, wenn das Technikwissen nicht reicht und die falsch gesendete E-Mail nicht durch Hacken sondern nur durch einen tatsächlichen kleinen Einbruch verschwinden kann? All diese absurden Situationen und unerwarteten Entwicklungen machen „The Intern“ zu einem absoluten Wohlfühlfilm. Es macht Spaß zu sehen, wie Ben seinen Kollegen „überholte“ Werte vor Augen führt, sie mit seiner Hilfe zu glücklicheren Menschen werden und er gleichzeitig in dieser Rolle aufblüht.

Brooklyn Bridge und Skyline

Das ist allerdings nicht alles, denn je weiter die Handlung voranschreitet, desto mehr dreht sie sich für Jules auch um die Frage „Karriere, Familie, Glück – kann ich alles haben?“ Wie der Film diese Frage beantwortet, möchte ich natürlich niemandem vorweg nehmen, deshalb geht jetzt ins Kino und verbringt zwei schöne, gemütliche, lachende Stunden, vielleicht auch mit einem oder zwei gerührten Tränchen in den Augenwinkeln. Und kommt dann zurück und lest weiter.

Brooklyn

„Kann ich alles haben?“ Mutter sein, verliebt sein und geliebt werden, Karriere machen, Freunde haben, in mir selbst ruhen und mit mir zufrieden sein. Es gibt genug Frauen (und Männer), die versuchen, all das zu sein, die all das sind. ABER. Das uneingeschränkte JA, mit dem „The Intern“ diese Frage beantwortet, gibt es meiner Meinung nach so nicht. Es ist einfach zu perfekt. Der liebende Ehemann, die unterstützenden Kollegen und vor allem die stets verständnisvolle Tochter, die die Mutter mit einem Lächeln begrüßt und rücksichtsvoll schlafen lässt statt eine Gute-Nacht-Geschichte einzufordern. Wer hat all das schon? Und: selbst wenn man all dies hätte, müssen Prioritäten gesetzt werden. Business Meeting oder Kindergeburtstag? Erfolg und Karriere oder Hausfrau und Mutter? Irgendwas wird immer verpasst, Verlust und schlechtes Gewissen werden nicht ausbleiben, trotz sorgfältiger Planung wird jeder Tag von ihnen begleitet werden. 100% Glück, Ausgeglichenheit, Balance und noch Zeit für Tai Chi im Park – funktionieren leider nur in Hollywood…

„Once“ – eine Bar, ein Balkon und eine Welt voll Musik

Was ist Once? Ein Musical? Konzert? Theater? Kunst? Ich kann es nicht genau sagen, aber – es ist einzigartig. Unerwartet.

Das fängt schon damit an, dass wir zehn Minuten vor offiziellem Vorstellungsbeginn nach unseren Plätzen suchen und hören: „The show already started.“ Und tatsächlich ist die Bühne gefüllt von Menschen, Musik und Tanz. Publikum und Schauspieler/Sänger/Tänzer. Es gibt keine Grenze. Allmählich werden die Zuschauer von der Bühne herunterkomplimentiert, die Lichter gehen aus, die Show, die Geschichte beginnt. Aber was ist eigentlich alles die Geschichte? Die Instrumente, die ausschließlich auf der Bühne gespielt werden. Die Kulisse, die immer wie eine Bar aussieht, aber von einer Wohnung bis zum Tonstudio alles sein kann. Der Balkon, der einzige Raum, der tatsächlich außerhalb der Bar und ihrer kleinen Welt liegt. Die Umräumarbeiten, die eigentlich Choreografien sind. Oder umgekehrt. Alles ist ein Teil des großen Ganzen, nichts wird versteckt (zumindest scheint es so). Aber das ist nur ein Teil des Unerwarteten.

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Ob Klassikkonzert…

Der zweite Teil sind die Charaktere. Die Freaks. Die Frau. die immer ernst ist sie kommt ja aus Tschechien, die ihr Klavier begrüßt, die für ihre Tochter und den abwesenden Ehemann lebt, aber Träume von Musik in anderen weckt. Der Mann, der bei seinem Vater lebt, der Staubsauger repariert, der seine Freundin vermisst, der sie aber auch nicht zurückholen will, der sich gegen Träume von Musik wehrt. Der Barbesitzer, der so gerne Karate oder Flamenco könnte. Die beiden Tschechen, die englisch in einer Fernsehserie gelernt haben und so permanent über deren Charaktere philosophieren. Der Banker, der von Kultur und Musik träumt, aber weder Stimme noch Talent hat. Die Mutter der Frau, die so viel zu wissen scheint, die aber niemand versteht. Und das nicht nur weil sie tschechisch spricht. Die junge Tschechin, die in Dublin nach einem irischen Ehemann sucht, für Whiskey aber auch jeden anderen verführt.

Live Musik

…oder Straßenperformer… „Once“ ist die Liebe zur Musik. Und dem, was sie mit uns macht.

Sie alle sind traurige Figuren, im Leben „gestoppt“ ohne Hoffnung auf Bewegung. Und zu ihnen kommt „Once“ wie ein Märchen, ein Traum, eine Vision. Dinge einfach tun, Wünsche erfüllen, Musik machen, um zusammenzuwachsen, Gefühle zu verstehen und verständlich zu machen, Erfolg zu haben, glücklich zu werden. Werden sie das? Wenn die Musikblase platzt, wird da wieder Stillstand einkehren? Oder wird etwas geschehen sein, etwas entstanden aus den Tönen, den Stimmen, Melodien? Werden sie Bewegung bringen? Egal wie die Antwort lautet, so etwas erlebt man nur „Once“.

Hier nochmal ein kleiner Eindruck (andere Schauspieler, aber sonst wirkt es sehr ähnlich):

Trailer der Londoner Version