Leseliebe „The Paris Wife“

„Was stimmt mit uns allen nicht, Bill? Kannst du mir das sagen?‘ – ‚Zur Hölle, wenn ich es wüsste‘, sagte er. ‚Erst einmal trinken wir zu viel. Und wir wollen zu viel, oder nicht?“

Es gibt diese Bücher, die liest man nicht. Sie sind nichts Passives, über das wir entscheiden, sondern entwickeln vor unseren Augen ein Eigenleben. Sie saugen uns ein, ziehen uns in ihren Bann, nehmen uns mit in ihre Welt. So ein Buch war für mich „The Paris Wife“ von Paula McLain. Ein Buch, das mich anfangs so glücklich gemacht hat, in dessen 20er Jahre Eleganz und Charme ich eingesogen werden wollte. „Es war alles gut und schön, bis es das nicht mehr war.“ Wie perfekt das meine Stimmung beim Lesen dieser Geschichte beschreibt. Aber von Anfang an.

„The Paris Wife“ ist zunächst eine große Liebesgeschichte. Eine allumfassende Liebe, eine gegenseitige Rettung, der alles auffressende Wunsch, eins zu werden. Das Bedürfnis, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und eine gemeinsame Zukunft zu schaffen, gemeinsam glücklich werden zu können. Die Menschen, die sich verlieben heißen Hadley und Ernest. Jahre später wird er ein weltberühmter Autor sein und sie in Vergessenheit geraten. Doch in diesem Moment, sind sie nur zwei Verzweifelte, aufgefressen von dem Wunsch, frei zu sein und sich selbst zu finden.

Dieser Weg führt sie nach Paris, Liebende in der Blase einer verrückten, immer schneller werdenden Stadt. Sie beobachten, leben ihr Leben, haben sich. Aber natürlich hält dieser Zustand absoluter Isolation nicht lang, die Blase platzt, erste Kontakte werden geknüpft und ziehen die zwei Liebenden (und den Leser) in den Sog des Paris der 1920er Jahre.

Wir finden uns wieder in einer Zeit, in der ein vergangener Krieg allgegenwärtig ist, in der jeder Einzelne, Tod und Zerstörung nur knapp entronnen ist. Zurück bleiben eine zerbrochene Welt und  Menschen, an denen die Angst noch klebt. Nur überlagert vom Wunsch diese loszuwerden, frei zu sein.

„Es gab nur das Heute, in das du dich hineinwerfen konntest, ohne an morgen denken zu müssen, oder gar an für immer. Um dich vom Denken abzuhalten gab es Alkohol, mindestens einen Ozean voll, all die üblichen Laster und viel Strick um dich daran aufzuhängen.“

Die „Lösung“ kommt in Form von zu viel Alkohol, von endlosen Feiern und besinnungslosem Vergessen. Die Lösung ist, sich für einige Momente lebendig zu fühlen, die Angst zu ertränken und so die Illusion von Glück zu erzeugen. Um die Liebenden sind plötzlich so viele Menschen, so viele Möglichkeiten. Alle wollen alles auf einmal, gleichzeitig, unbeschränkt.

Je weiter die Geschichte mich zog, desto weniger war es ein historischer Roman, eine vergangene Epoche. Das Paris der 20er wurde zu einem Spiegel des Berlins, der Welt, der 2000er. All die Menschen, die den Abgrund, die Gefahr, den Tod fest im Blick haben, die die Augen schließen, weiter feiern, weiter tanzen. Alles wollen, aber nichts tun. Sich treiben lassen, aber aus Angst vor dem Untergehen wild um sich schlagen.

In dieser Zeit, die weit entfernt und doch so nah ist, werden Hadley und ihre Ehe zu einem Anachronismus. Die Frau, die sich wie alle die Haare abschneidet und daran nur unglücklich wird. Die Frau, die keine Künstlerin, sondern Ehefrau und Mutter sein will. Die Frau, deren Glück und deren Leben ein einzelner Mensch ist, an den sie sich so gerne klammern möchte, der sich aber nicht halten lässt. Die Frau, die so gerne stark und unabhängig wäre, dann aber doch wieder einsam und verzweifelt zurück bleibt.

Überall um die Liebenden sind Bewegung, Fortschritt, alles ist höher, schneller, weiter. Kann man in so einer Welt überhaupt stehen bleiben, zufrieden sein, zur Ruhe kommen? Und ist der Stillstand besser als der Rausch? Macht er glücklicher?

Alles Fragen, die Hadley beschäftigen, die Ernest beschäftigen, die ihr Umfeld beschäftigen. Fragen, die nicht gestellt werden, aber immer im Raum stehen. Und je schwieriger es wird an ihrer Ehe, an ihrer Liebe festzuhalten, desto mehr Fragen kommen hinzu. Gibt es so etwas wie die eine, große Liebe? Wie lange lohnt es sich, an ihr festzuhalten? Wie wächst man gemeinsam, ohne sich gegenseitig einzuschränken? Was muss man für die Liebe aufgeben und welche Opfer lohnt es sich zu bringen? Ist es das wert? Wollen wir gemeinsam stark sein oder unser eigenes Glück finden? Gibt es überhaupt noch eigenes Glück, wenn man sich selbst nicht mehr ohne den anderen sehen kann?

Je tiefer ich in die Geschichte, in diese Welt eintauchte und je klarer ich dadurch meine eigene sah, desto dringender wollte ich eine Antwort auf diese Fragen finden. Und desto schwieriger und wirrer wurde diese Aufgabe. Ob es mir am Ende gelungen ist? Dazu müsst ihr „The Paris Wife“ natürlich selbst lesen.

Bis bald, Franzi

Leseliebe „The Goldfinch“

„Maybe one had to be lost, for all the others to be found.“

Vielleicht musste eines verloren sein, um all die anderen finden zu können.

„The Goldfinch“ bzw. „Der Goldfink“ von Donna Tartt ist eines der besondersten Bücher, die ich jemals gelesen habe. Oder vielmehr gehört, ich hatte es nämlich als Hörbuch ausgeliehen. Aufgrund der Länge begleitete es mich über Wochen hinweg, ganz losgelassen hat es mich aber auch jetzt – zwei Monate nachdem ich damit fertig bin – immer noch nicht.

Denn Theo Decker, der Protagonist, dessen Werdegang wir von seinem 13. Lebensjahr an  begleiten, wurde in den über 32 gemeinsamen Hörbuch Stunden einfach zu einem Teil von mir. Ich würde nicht sagen, dass ich zu Theo wurde, denn eine gewisse Distanz blieb da schon noch zwischen uns. Ein bisschen fühlt es sich aber an, als wäre er mein Bruder oder ein sehr, sehr enger Freund. Ich kenne ihn, manchmal vielleicht sogar besser als er sich selbst, weiß, wie er tickt, was ihn antreibt. Ich sehe seine Welt durch seine Augen. Und trotzdem sehe ich auch das Unglück, das hinter der nächsten Kurve auf ihn wartet, will ihn stoppen und davor bewahren – greife aber wie ein Schatten ins Leere.

Mal wieder möchte ich nicht zu viel zur Handlung vorweg nehmen, nur so viel: Der junge Theo wird durch Zufall (gibt es den überhaupt?) in einen schrecklichen Vorfall in einem Kunstmuseum verwickelt. Dieser verändert und prägt sein Leben für immer. Er verliert die wichtigste Person in seinem Leben und gewinnt neue hinzu. Er begegnet einer oder mehreren großen Lieben. Er ist plötzlich ganz allein und muss seinen Weg finden. Und er geht unabsichtlich (gibt es das überhaupt?) eine ganz besondere Beziehung zur Kunst ein. Eine Beziehung, die ihn nie wieder loslassen wird und auch dieses Buch durchzieht.

Einerseits ist „The Goldfinch“ ein Kunstwerk. Es folgt einer perfekten Komposition, die wir erst am Ende angelangt, völlig wahrnehmen und würdigen können. Jede Schicht, jedes Detail, jedes Symbol, jedes Wort ist handverlesen und perfekt in die Komposition eingefügt. Das Buch ist unheimlich schön zu lesen und zu hören, man möchte Donna Tartts Worte niemals vergessen, besonders im letzten Abschnitt am liebsten jeden Satz als Zitat in die Welt schreien. Ein perfektes Buch, das uns zeigt, für das Schöne, für die Kunst zu kämpfen, egal wie viel Zeit oder Kraft es kostet.

Und dann ist da die Handlung. Chaos, Dunkelheit, Hoffnungslosigkeit. „The Goldfinch“ ist keine schöne Geschichte, oft fühlt er sich gar nicht an, wie eine Geschichte, sondern vielmehr eine Chronik. Wir folgen Theos Leben, Tag für Tag, Woche für Woche. Wir sind an seiner Seite und erleben Wochen voller Langeweile und Stunden, in denen sich die Ereignisse überschlagen. Wir befinden uns mit ihm in einer Abwärtspirale, krabbeln in ihr hoch, versuchen zu entkommen und werden doch wieder eingesogen. Und egal wie nichtig und unbedeutend manche Ereignisse wirken, irgendwie brauchen wir sie doch, irgendwann passen sie ins Bild, tragen zum großen Ganzen bei.

Aber was ist das große Ganze? Worauf läuft all das hinaus? Was ist die Botschaft dieses Kunstwerks? Natürlich möchte ich das hier nicht vorwegnehmen – nur eins: es ist genauso zerrissen wie der Rest dieses Buchs. Zerrissen zwischen dem Wunsch nach Schönheit und der Machtlosigkeit vor der Realität.

Um euch ein bisschen etwas vom Gefühl des Goldfinks mitzugeben, hier einige meiner liebsten Zitate (auch wenn ich wie gesagt hier gerne das ganze Buch niederschreiben würde) und meine Gedanken dazu:

„My head in the rainclouds, my heart in the sky.“

Mein Kopf in den Regenwolken, mein Herz im Himmel.

Der Kopf und das Herz, auf ganz verschiedenen Ebenen, scheinbar unvereinbar. Und doch – wenn das Herz im Himmel ist, folgen wir ihm. Lassen den Kopf im Regen stehen und lieben.

„How can I see so clearly that everything I love or care about is illusion and yet, for me anyway, all that’s worth living for lies in that charm?“

Wie kann ich so klar sehen, dass alles, was ich liebe und was mir wichtig ist, eine Illusion ist und doch, zumindest für mich, liegt alles Lebenswerte in diesem Zauber?

„Every Disney Princess knows the answer: follow your heart. What if you can’t trust your heart?“

Jede Disney Prinzessin kennt die Antwort: folge deinem Herzen. Was, wenn du deinem Herzen nicht trauen kannst?

Da sind sie wieder, der Kopf und das Herz. Die Machtlosigkeit unseres Kopfes, der sich Ordnung wünscht, der den einfachen, den richtigen Weg vor uns sieht. Aber wir betreten ihn nicht. Denn was nützt uns eine gerade Strecke, wenn unser Herz im Labyrinth zurück bleibt. Was bleibt noch von uns, ohne unsere Passionen und Liebe, egal wie falsch sie sind?

„For me, life is catastrophe. No way out, but death.“

Für mich heißt Leben Katastrophe. Kein Ausweg als der Tod.

So düster, dunkel und aussichtslos. Aber auch so wahr. Denn es wird nie nur schön, nur gut sein. Das Schlechte wartet immer früher oder später. Also bleibt nur der Tod? Nein, denn…

„Because, between reality on the one hand and the point where the mind strikes reality, there’s a middle zone, a rainbow edge where beauty comes into being, where two very different surfaces mingle and blur to provide what life does not: and this is the space where all art exists and all magic.“

Denn zwischen der Realität auf der einen Seite und dem Punkt, an dem unsere Vorstellung die Realität trifft, gibt es eine Zwischenzone, den Rand eines Regenbogens, an dem Schönheit beginnt zu entstehen, wo sehr verschiedene Oberflächen sich verbinden und zu etwas verschwimmen, das das Leben uns nicht geben kann: und in diesem Raum existiert die Kunst und jede Magie. 

Diesen wunderschönen Worten kann ich auch nichts mehr hinzufügen, außer: auch wenn „The Goldfinch“ ein sehr langes und nicht immer einfaches Buch ist, hat es so viel Schönheit, so viele inspirierende Gedanken, so perfekte Worte und gleichzeitig so viel Echtheit in sich, dass sie über die Durststrecken und Dunkelheit hinwegtragen. Jeder, der etwas für Kunst empfindet, jeder, der schon einmal einen Fehler gemacht hat, der schon einmal etwas oder jemanden verloren, der schon einmal geliebt hat, wird sich in diesem Buch finden. Und verlieren. Aber das brauchen wir auch manchmal.

Bis bald, Franzi

Leseliebe – After you

„There might be no great adventures, sure,… But there were worse things, right? Than to be with your family, loved and secure? Safe?“

Schon in meinem letzten Buchpost habe ich ja über „Me before you“ von Jojo Moyes geschrieben. Da die Geschichte und die Charaktere mich nach Buch und Film immernoch nicht losließen, musste ich unbedingt auch noch den zweiten Band lesen, um sie hoffentlich ruhen lassen zu können.

„After you“ ist… definitiv ganz anders als das erste Buch. Während es im ersten Teil um unsere Vergangenheit, unsere Vorgeschichten geht und wie diese uns prägen und beeinflussen, widmet sich das zweite Buch den Nachgeschichten. Wie bewältigen wir die vollkommene Veränderung unseres Lebens, die dramatische Erweiterung unseres Horizonts, wenn wir damit plötzlich allein da stehen?

Die Geschichte war für mich erstmal ein kleiner Schock, da ich ein relativ klares Bild im Kopf hatte, wie sie ablaufen sollte und wie das Buch sich anfühlen würde. Beides war komplett anders. Aber: so ist das Leben. Wir konzentrieren uns auf etwas, stellen uns etwas vor, arbeiten darauf hin. Und dann kommt die Realität dazwischen, etwas Neues passiert, völlig unerwartet, zerstört (oder rettet?) unsere vorher gefassten Pläne. Im Nachhinein sehen wir oft, wie dieses unvermittelte Chaos ins Bild passte, warum es doch irgendwie notwendig war. Das macht es jedoch erstmal nicht leichter damit umzugehen. So ging es mir mit „After you“ und genauso geht es auch Louisa in der Geschichte.

Um diese Überraschungs- und Schockmomente nicht vorwegzunehmen, werde ich an dieser Stelle nichts mehr zur Handlung sagen. Auch ich habe mich völlig unvorbereitet in die Geschichte hineinfallen lassen und das ist meiner Meinung nach auch der beste Weg, sie zu lesen. Warum also dieser Post? Wie schon im ersten Teil gab es einige Themen, mit denen ich mich sehr gut identifizieren konnte, die mich tief berührt haben. Und diese möchte ich hier gerne teilen:

Erstmal geht es da ums Zurückkommen. Wie ist es, nach einem großen (oder kleinen) Schritt, nach dem Mut zusammennehmen, dem Neues wagen – zurückzukommen? Zurück in die Vergangenheit, zurück ins Alte und Vertraute? Zurück an Orte, an denen sich nichts verändert zu haben scheint, von denen man sich Jahrzehnte entfernt fühlt und an denen niemand die persönliche Entwicklung versteht. Es scheint so verlockend, sich ins Bekannte zu verziehen, sich in der Komfortzone einzuigeln, wieder anzukommen. Und doch ist das nicht (ganz) möglich. Denn wir sind nun einmal nicht mehr dieselben. Wir können neue Erfahrungen nicht unerlebt machen, Gelerntes nicht ungelernt, Gewusstes nicht ungewusst. Wir können die Zeit nicht zurückdrehen.

Es ist hart, zurückzukommen, scheint einem oft nur zu zeigen, was man alles vermisst, was alles fehlt. Aber es ist auch hilfreich. Denn das Zurückkommen zwingt uns zu fragen, wer wir sind. Wer wir geworden sind. Und ob wir diese Person sein wollen? Wo gehören wir hin? In die alte Komfortzone, die vielleicht nur umgebaut werden muss, damit sie wieder passt? Oder raus, weg, weiter? Zu neuen Ufern, auf neuen Wegen, weiter auf der Suche nach einem Ort zum Ankommen? Und gleichzeitig gibt uns das Zurückkommen das Wissen, dass da immer ein Ort ist, an den wir zurückkehren können. Denn auch wenn der Ort und das Leben nicht mehr passen – so gibt es doch meist Menschen dort, die das umso mehr tun!

Natürlich geht es in „After you “ um noch viel mehr und eines dieser Themen sind Träume. Die gehen ebenfalls mit den Horizonterweiterungen einher, entstehen ja oft erst, wenn wir die Komfortzone hinterfragen und verändern oder verlassen wollen. Aber wie weit lohnt es sich dafür zu gehen? Was, wenn die Erfüllung unserer Träume ganz und gar nicht traumhaft ist, sondern hart und schwer? Was, wenn der Weg zum vermeintlichen Glück uns viel unzufriedener macht, als der gemütliche Stillstand? Dann heißt es meiner Meinung nach Augen zu und durch sowie lernen, im Regen zu tanzen und Limonade zu machen. Das Erfüllen von Träumen ist wohl selten bis nie einfach, beinahe immer etwas gruselig und verunsichernd. Aber das ist es wert. Denn auch, wenn wir unser Ziel nicht erreichen oder feststellen, dass wir dort gar nicht hinwollen, haben wir uns bewegt, gelernt, uns weiterentwickelt. Sind ein Risiko eingegangen und haben uns selbst ein bisschen besser kennengelernt. Ob selbstgewählte oder vom Leben zugeworfene Herausforderung – nehmen wir sie an, bleiben wir in Bewegung, leben wir.

Und mit diesen gesammelten Weisheiten lege ich euch „After you“ nochmal ans Herz. Auch wenn es anders ist als sein Vorgänger – so ist das Leben und sowohl Jojo Moyes als auch Lou mussten in Bewegung bleiben. Also gebt dem Neuen eine Chance, denn wir können das Alte ja trotzdem noch lieben. Und lasst mich unbedingt wissen, was danach euer Fazit ist. Bis bald, Franzi

Leseliebe – Me before you

„You only get one life. It’s actually your duty to live it as fully as possible.“ – Jojo Moyes

So wie gefühlt im Moment jeder habe ich letztes Wochenende endlich Me before you von Jojo Moyes gelesen und war inzwischen auch im Film. Obwohl ich den Film sehr schön und emotional fand, schreibe ich hier nur über das Buch. Denn das war für mich noch viel tiefer und hat mich noch viel mehr zum Nachdenken angeregt und was dabei so herauskam, möchte ich hier mal mit euch teilen…

Den englischen Titel „Me before you“ – „Ich vor dir“ – schreibe ich hier nicht nur, weil ich das Buch auf englisch gelesen habe, sondern weil er meiner Meinung nach so viel mehr aussagt und bedeutet als die deutsche Übersetzung. Er erinnert uns an die Vergangenheit, die Vorgeschichten, die wir alle haben. Wir kommen ständig mit anderen Menschen zusammen, entwickeln uns auseinander und wachsen zusammen. Bringen aber mit uns auch immer unsere Erinnerungen und Erfahrungen. Meinungen, die uns und unsere Beziehungen prägen, die uns zeigen, wie wir uns und andere sehen. Und die oft auch unsere persönlichen Grenzen definieren.

„Me before you“ ist für mich keine reine Liebesgeschichte, sicher auch kein typischer romantischer Roman. Für mich ist es ein Buch über Grenzen und wie wir diese überwinden. Wir alle haben sie – physische, mentale, gesellschaftlich oder selbstaufgelegte Grenzen. Mal bewusst gezogen, mal jahrelang unbewusst, unsichtbar. Will Traynor, gelähmt, im Rollstuhl sitzend, ist nicht der einzige, der in „Me before you“ von seinen Grenzen eingeschränkt wird. Louisa, seine Pflegerin, hat sie, seine Eltern, ihre Eltern, die Geschwister. Wir alle haben Grenzen.

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Und manchmal brauchen wir eben andere, die diese Grenzen sichtbar machen, uns an die Hand nehmen und uns helfen, sie zu überwinden. Menschen, die uns zeigen, dass das Leben nicht nur grau und trist ist, Menschen, die uns zeigen, dass die Welt so viel größer ist, als wir es je zu träumen gewagt hätten. Das Überkommen von Grenzen muss kein großer Schritt, keine weltverändernde Aktion sein. Es kann ein Film mit Untertiteln sein, ein Konzert, ein Flugticket, Wissen, ein Lächeln oder ein freundliches Wort. Was es auch ist, es wird unsere eigene, persönliche Welt verändern, unseren Horizont hinterfragen und erweitern.

Aber nicht alle Grenzen können oder wollen überwunden werden. Kein anderer, egal wie wichtig und einflussreich er ist, kann sie für uns überwinden. Es gibt Grenzen, die schützen uns. Grenzen, für deren Fall es noch nicht die richtige Zeit ist. Ich denke, es ist es wert, Grenzen ausfindig zu machen, vorzudrücken, gegen sie anzukämpfen. Wie sonst sollen wir uns weiterentwickeln, besser werden? Auch wenn es sich erstmal anfühlt, als würde uns das zurückwerfen. Doch wie ist das mit den Grenzen anderer? Können – dürfen  – wir entscheiden, ob es sich lohnt, diese zu bekämpfen, zu durchbrechen?

Um diese Frage geht es auch ganz stark in „Me before you“. Wissen wir, was für andere das beste, das richtige ist? Und wenn ja, dürfen wir dieses Wissen nutzen? Wollen wir unsere Liebsten zu ihrem besten schützen? Oder um unserer selbst willen, um uns vor Schmerz und Traurigkeit zu bewahren? Wir werden die Welt doch immer zuerst aus unserer Perspektive sehen, mit unserer Vergangenheit, unseren Grenzen. Wie können wir wissen, wo die Grenze eines anderen verläuft? Werden wir jemals die ganze Geschichte, das ganze Potential einer Person kennen und verstehen? Vermutlich nicht.

Und so kann es passieren, dass wir das beste für einen Menschen wollen und dabei das für ihn schlechteste bewirken. Es bleibt uns nur, zu versuchen, zuzuhören, andere an die Hand zu nehmen und sie zu ihren Grenzen zu führen. Wir können diese nicht für sie überwinden. Aber ihnen das Werkzeug geben, sie zu durchbrechen und das Wissen, dass wir auch noch auf der anderen Seite für sie da sein werden. Und manchmal müssen wir auch einfach mit ihnen hinter ihren Grenzen zurückbleiben.

Das klingt jetzt vermutlich für alle, die das Buch nicht kennen, sehr kryptisch, aber regt hoffentlich trotzdem zum Nachdenken an oder macht Lust, einige der Antworten auf diese Fragen in „Me before you“ zu finden. Dieses Buch wird euch vermutlich an einige emotionalen (Tränen)Grenzen bringen – aber es lohnt sich! Bis bald, Franzi